Wenn Häuser Geschichten erzählen könnten….

DSC_0014Ich stehe gerade vor einem Haus, daß mitlerweile 120 Jahre alt ist. Eine alte Wirtschaft, die 1899 gebaut und eingeweiht worden ist. In ihr feierten die meisten Menschen unseres Dorfes seit her ihre Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit, runde Geburtstage und Jubiläen und schließlich den Tod mit der Beerdigung. Von der Wiege bis zur Bare, wie man so schön sagt. Aber auch  Siege und Niederlagen wurden gebührend bis in die frühen Morgenstunden mal laut mal leise begossen. Oder einfach nur der Moment und das gemütliche Miteinander, wenn man  das Glück hatte mit Freunden zusammen zu sitzen und gemeinsame Augenblicke zu teilen. Wie viele Geschichten wurden an ihrem Stammtisch erzählt, wieviele Witze, wieviele Lügen? Es gab schöne und schlimme Zeiten, fröhliche und traurige. Die alte Wirtschaft sah Kinder großwerde, erwachsen werden, selbst Kinder bekommen und schließlich sterben. Sie sah Kaiserreiche und Republiken aufsteigen und untergehen. Wurde verkauft und gekauft. Wurde umgebaut und erneuert immer wieder etwas neues und selbst langsam alt, ohne seine eigene Stärke einzubüßen.

Die alte Wirtschaft war 89 Jahre Teil meiner Familie und 17 Jahre lang Teil meines Lebens. Wir waren Teil des Lebens so vieler Menschen und sie waren ein Teil des unseren. Meine Großeltern kauften die Wirtschaft 1924 und machten ab da alle möglichen Höhen und Tiefen mit. Einen Krieg, eine Geldentwertung und auch persönliche Auf und Abs. Nach deren Tot übernahm meine Tante und führte ihr Werk mit der gleichen Freundlichkeit und Hingabe weiter. In diesem Haus geboren erlebte sie das alles als Kind mit und erzählte oft und ausführlich von so vielen Begebenheitern und Erinnerungen. Von guten und schlechten.  Auch für mich gab es gute und schlechte Zeiten. Wenn ich nun so vor diesem Haus stehe denke ich natürlich hauptsächlich an die Guten. Die tollen Abenteuer die ich hier als Kind erleben durfte. Meine Kinder die hier aufgewachsen sind. Die Zeit die ich mit meiner Familie, meiner Tante, meinem Vater verbringen durfte. Die unglaublich vielen interessanten Gespräche die ich führen durfte. Mit Bekannten, aber oft auch völlig unbekannten Gästen aus denen ihre Geschichte nur so heraussprudelte, da sie eigentlich nur jemanden gesucht hatten der ihnen einfach nur einmal zuhört. All das fehlt mir heute. Was mir natürlich nicht fehlt sind die ganzen Sorgen und die schlechten Zeiten. Vor allem in den letzten Jahren als es wirtschaftlich nur noch bergab ging und ich von Sorgen beinah erdrückt keinen Weg heraus finden konnte und schließlich aufgeben mußte. Die Wirtschaft wurde versteigert und heute 4 Jahre später sehe ich nun zu wie der Bagger Stück für Stück, Balken für Balken und Stein für Stein von dem alten Haus abbricht und in den jeweiligen Kontainer verteilt. Einen für Holz einen für Plastik , einen für Stein und einen für Wertstoffe. So stirbt ein Haus. Und dann wird es beerdigt. Ein wenig blutet mir das Herz. Armes Haus. Leb wohl

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